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Presseerklärung
Europas Umweltärzte warnen: Unser Trinkwasser ist in Gefahr!
IGUMED-Studie weist auf erhebliche gesundheitliche Risiken hin!
Die in der Interdisziplinären Gesellschaft für Umweltmedizin (IGUMED) und im Ökologischen Ärztebund (ÖÄB) in Europa organisierten über 40000 Ärztinnen und Ärzte warnen eindringlich vor einer Änderung der europäischen Trinkwasserrichtlinie durch die Europäische Kommission und weisen auf die mit einer solchen Entscheidung verbundenen gesundheitlichen Risiken für Millionen Menschen in Europa hin!
Die EU-Kommission plant eine Änderung der seit 1980 gültigen Trinkwasser-Richtlinie. Damals beschloß die Europäische Union aus Vorsorgegründen sehr strenge Grenzwerte für Pestizide im Trinkwasser ( 0 1 Mikro-Gramm/Liter für jedes einzelne Pestizid, 0,5 Mikro-Gramm/Liter für alle Pestizide). Diese Grenzwerte entsprachen damals der Nachweisgrenze dieser Substanzen und basierten auf der Überzeugung, daß Pestizide im Trinkwasser grundsätzlich nichts zu suchen haben.
Inzwischen hat die EU-Kommission im Sommer auf Betreiben der europäischen Pestizidhersteller bereits die europäische Pestizid-Richtlinie geändert: So dürfen in Zukunft Pestizide, die in einem Land der EU zugelassen sind, auch in allen anderen EU-Mitgliedsländern eingesetzt werden. Dies gilt auch für Substanzen, die in Deutschland bereits verboten waren! Da schon jetzt immer häufiger Pestizide im Grundwasser nachweisbar sind, ist voraussehbar, daß die strengen Trinkwasser-Grenzwerte auf Dauer nicht mehr eingehalten werden können.
Folgerichtig versucht daher jetzt die EU-Kommission, in der geplanten Neufassung der Trinkwasser-Richtlinie die Pestizid-Grenzwerte drastisch zu erhöhen. Mit der Einführung eines neuen, auf humantoxikologischer Bewertung beruhenden Grenzwertes droht ein genehmigter Anstieg der Pestizidvergiftung unserer Trinkwasserressourcen bis zum 1000-fachen der bisher gültigen Grenzwerte!
Die IGUMED weist in einer jetzt veröffentlichten Studie ,,Wasser in Gefahr" auf die gesundheitlichen Folgen der umweltbedingten Trinkwasserverschmutzung für Millionen Menschen in Europa hin. Sie kommt dabei u.a. zu dem Ergebnis, daß die derzeit gültige europäische Trinkwasser-Richtlinie, die aus medizinischer Sicht eine weltweit beispielhafte Vorsorgewirkung hat, unter allen Umständen in der jetzigen Form beibehalten werden muß!
Andernfalls opfern wir unsere Gesundheit und besonders die der uns nachfolgenden Generationen den ökonomischen Interessen einer mächtigen Chemie-Lobby, die in strengen Trinkwasserschutzmaßnahmen ein Hindernis für den gewinnträchtigen Pestizid-Markt sieht.
Aus medizinischer Sicht besteht jedoch kein Zweifel:
90% aller Fungizide (Mittel gegen Pilzbefall der Nutzpflanzen) haben teils sicher, teils sehr wahrscheinlich krebsauslösende und krebstördernde Eigenschaften.
60% aller Herbizide (Mittel zur Bekämpfung von ,,Unkräutern") haben teils sicher, teils sehr wahrscheinlich krebsauslösende undkrebsfördernde Eigenschaften.
30% aller Insektizide haben teils sicher, teils sehr wahrscheinlich krebsauslösende und krebsfördernde Eigenschaften.
Pestizide sind in der Natur schwer abbaubar und bergen daher durch Anreicherung im menschlichen Körper, bei Tieren und Pflanzen ein unkalkulierbares gesundheitliches Langzeitrisiko.
Toxikologisch sind die meisten Pestizide nicht ausreichend erforscht. Unter Berücksichtigung von möglichen Kombinationswirkungen mit anderen Schadstoffen können daher toxikologische Gutachten zu Langzeitschäden keine sicheren Aussagen über die gesundheitliche Unbedenklichkeit chemischer Substanzen machen.
Wir 40000 Ärztinnen und Ärzte des Ökologischen Ärztebundes und der
Interdisziplinären Gesellschaft flir Umweltmedizin in Europa richten deshalb einen
eindringlichen Appell an die Mitglieder der neuen EU-Kommission und an die
Bundesregierung:
Verhindern Sie jegliche Änderung der seit 1980 gültigen und aus ärztlicher Sicht vorbildlichen Trinkwasser-Richtlinie!
Verschärfen Sie europaweit die Zulassungsbedingungen für chemische Stoffe. Da chemische Substanzen unterschiedslos auf die gesamte Bevölkerung einwirken und deren Gesundheit beeintächtigen können, müssen die Zulassungskriterien mindestens so streng sein wie die Bestimmungen im Arzeimittel-Gesetz!
Fördern Sie gezielt den ökologischen Landbau, um die aus medizinischer Sicht höchst bedenklichen Pestizide in Zukunft überflüssig zu machen!
Bewahren und erhalten Sie kraft ihres Amtes die derzeitige europäische Trinkwasser-Richtlinie als weltweit vorbildliche Vorsorgemaßnahme, damit auch unsere Kinder und folgende Generationen noch gesunde Trinkwasserressourcen zur Verfügung haben!
Bonn, den 20.12.1994
Offener Brief an die neuen Mitglieder der Europäischen Kommission:
Herrn
Kommissionspräsident der Europäischen Union (EU)
Jacques Santer
Rue de 1a Loi 200
B-1049 Brüssel
nachrichtlich an die Mitglieder der EU-Kommission:
Martin Bangemann, BRD, Monika Wulf-Mathies, BRD, Manuel Marin, Spanien, Sir Leon Britan, UK
Hans van den Broek, Niederlande, Karel van Miert, Belgien, Jaao de Deus Pinheiro, Portugal, Padraig
Flynn, Irland, Edith Cresson, Frankreich, Yves-Thibault de Silguy, Frankreich, Ritt Bjerregaard,
Dänemark, Neil Kinnock, UK, Christos Papoutsis, Griecheriland, Mario Monti, Italien, Emma Bonino,
Italien, Franz Fischler, Österreich, Erkki Liikanen, Finnland, Anita Gradin, Schweden, Thorvad
Stoltenberg, Norwegen
Sehr geehrter Herr Kommissionspräsident Santer,
mit großer Sorge verfolgen wir im Umweltschutz engagierten Ärztinnen und Ärzte die Pläne der Europäischen Kommission und des Ministerrates, die seit 1980 gültige und auf dem Vorsorgeprinzip basierende Trinkwasserrichtlinie zu ändern. Auf massiven Druck der europäischen Chemie- und Agrarindustrie sowie einiger Landwirtschaftsminister der EU beabsichtigen Sie, rnit der Änderung der bestehenden Trinkwasserrichtlinie die bisher strengen Grenzwerte für Pestizide abzuschaffen. Die Folge ware eine Erhöhung der Grenzwerte teilweise um das 100- bis 1000-fache!
Als Ärztinnen und Ärzte sehen wir uns herausgefordert, Sie auf die mit einer solchen
Entscheidung verbundenen gesundheitlichen Risiken für Millionen Menschen in
Europa hinzuweisen. Wir bitten Sie eindringlich und in Sorge um die gesundheitliche
Unbedenklichkeit unseres wichtigsten Lebensmittels:
Verhindern Sie eine weitere Vergiftung unseres Trinkwassers!
Widersetzen Sie sich dem unverantwortlichen Ansinnen der europäischen Chemie- und Agrarindustrie, gleichzeitig mit der Vermarktung gentechnisch pestizidresistent gemachter landwirtschaftlicher Nutzpflanzen den großflächigen und intensiven Einsatz von Pestiziden über Ihre Kommission per Gesetz legalisieren zu lassen.
Bewahren Sie stattdessen den vorbildlichen hohen Schutzstandard für das Trinkwasser in Europa, wie er in der bisher gültigen Trinkwasserrichtlinie zum Ausdruck kommt.
Aus medizinischer Sicht besteht kein Zweifel. Pestizide gehören nicht ins Trinkwasser, denn:
- Nach Angaben der US-Akademie der Wissenschatten (NAS) haben 90% aller Fungizide, 60% aller Herbizide und 30% aller Insektizide zum Teil sicher, zum Teil wahrscheinlich krebsauslösende und krebsfördernde Eigenschaften.
-Toxikologische Bewertungen sind zu ungenau, um gesundheitliche Langzeitschäden bei Menschen sicher ausschließen zu können.
-Pestizide sind in der Natur schwer abbaubar und bergen daher durch Anreicherung in Mensch, Tier und Pflanzen auch bei niedrigen Ausgangskonzentrationen ein unkalkulierbares Langzeitrisiko.
Trotz aller Warnungen und Proteste hat sich die Europäische Kommission im Juni dieses
Jahres bei der Änderung der Pestizidrichtlinie bereits einmal dem Druck der Chemie- und
Agrarindustrie gebeugt.
Um so eindringlicher appellieren wir daher jetzt an Sie als neue Kommissionsmitglieder der EU:
Setzen Sie die Gesundheit der Bevölkerung in Europa nicht aufs Spiel!
Bewahren und erhalten Sie Kraft Ihres Amtes die derzeitige europäische
Trinkwasserrichtlinie als weltweit vorbildliche Vorsorgemaßnahme, damit auch unsere Kinder noch gesunde Trinkwasserressourcen zur Verfügung haben!
Für die 40000 Ärztinnen und Ärzte des Ökologischen Ärztebundes und der IGUMED in Europa:
Dr. med. Arndt Dohmen Dr. med.Wolfgang Stück
Vorstand der IGUMED Präsident des Ökologischen Ärztebundes
Bonn, den 20.12.1994
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